Über Zwergdackel, Kaninchenteckel und Kaninchenhunde

Nicht nur Emil Ilgner, einer der beiden Gründer des „Teckel-Klubs“, aus dem der heutige „Deutscher Teckelklub von 1888 e.V.“ hervorgehen sollte, und dessen kurzfristiger erster Präsident, hatte Schwierigkeiten, in seinem 1896 erschienenen Buch „Der Dachshund“ so etwas wie eine stringente Geschichte des Dachshunds vorzustellen, und auch heute noch wirkt mancher Rückgriff auf die alten Ägypter oder Römer, wenn es um die Geschichte der Dachshunde geht, mehr als nur etwas… bemüht.

Hunde gab es „immer“, zumindest seit Sesshaftwerdung der Menschen. Entsprechend dem verfolgten Zweck bildeten sich lokal verschiedene Hundetypen aus, lange ohne dass von einer planvollen Zucht im engeren Sinn gesprochen werden konnte. Weiter „gezüchtet“ wurde „vom Endverbraucher“ mit dem, was für den benötigten Zweck am tauglichsten schien. Wo, wie in der vorindustriellen Zeit, die Anzahl der möglichen Einsatzgebiete für den Hund beschränkt und damit auch in unterschiedlichen Regionen immer ähnlich war, bildeten sich auch ähnliche, wenn auch regional unterschiedlich ausgeprägte, Hundetypen aus.

Fitzinger, L. J.: Der Hund und seine Racen, Tübingen 1876.
Fitzinger, L. J.: Der Hund und seine Racen | Naturgeschichte des zahmen Hundes, seiner Formen, Racen und Kreuzungen, Tübingen 1876.

Erdhündle, Lochhündlein, Schlifferlin oder Schliefer, Tachskrieger, Dachskriecher, Dachshund… das sind Bezeichnungen, unter denen man in der Literatur ab der frühen Neuzeit auf einige Vorfahren unserer heutigen Dackel stößt. Kynologische Maßstäbe gelten in diesen Quellen noch wenig; zumeist wird der Hund von der Art der Verwendung her gedacht und allein aus jagdlicher Sicht beschrieben. So finden sich in dieser Literatur nicht nur „Dachshunde“, sondern z.B. auch „Biber- oder Fischotterhunde“. Dass damit tatsächlich Hunderassen im heutigen Sinn beschrieben wurden, darf bezweifelt werden. Völlig zu Recht weist schon Engelmann in seinem 1923 zuerst aufgelegten „Dachshund“ darauf hin, dass die von dem Hund zu leistende Arbeit eher den Begriff vom Dachshund prägte, als gemeinsame äußerliche Merkmale der Individuen.

Es dürfte sich eher um die Vorstellung eines Typs Hund, wie er im Allgemeinen für diesen oder jenen Zweck in einer bestimmten Gegend benutzt wurde, gehandelt haben, und nicht immer ist sicher, dass das Beschriebene nur das Gesehene oder nicht vielleicht doch eher dasjenige war, das dem Autor irgendwie stimmig oder wünschenswert erschien.

Die Bemühungen seinerzeitiger Autoren sollte man dennoch nicht von der heutigen vermeintlich hohen Warte aus abtun. Nur wer arbeitet macht auch Fehler und die Versuche, Ordnung in die chaotisch scheinende Vielfalt der Welt zu bringen, waren mit frühneuzeitlichen Mitteln durchaus Arbeit. Vergessen wir nicht: diese Menschen haben fast aus dem Nichts gearbeitet, wo wir heute aus dem Vollen schöpfen und uns schrecklich wissend wähnen, obwohl die Mehrzahl von uns sich nur mit fremden und angelesenen Federn schmücken kann.

Was für die Autoren gilt gilt erst recht für die Praktiker, die Hundezüchter. Zwar wurde bereits mit Beginn des 19. Jahrhunderts da und dort absichtsvolle Zucht unternommen und mancher Hundepraktiker mag durch „Versuch und Irrtum“ eine „Ahnung“ von dem bekommen haben, was er da tat. Derjenige aber, der ersten wissenschaftlichen Grund schaffen sollte, musste erst noch 1822 geboren werden und es sollte bis 1865 dauern, bis Gregor Mendel erstmals seine Forschungsergebnisse und damit die Mendelschen Regeln vorstellen konnte. Beinahe zeitgleich erschien 1860 eine erste (höchst mangelhafte) deutsche Ausgabe von Charles Darwins „Über die Entstehung der Arten…“, der 1876 dann die korrekte Übersetzung folgte. Selbst vor diesem Hintergrund dauerte es noch bis zur folgenden Jahrhundertwende bis die Mendelschen Regeln allgemein bekannt und ihre Bedeutung erkannt wurden.

Von da an ging es gedanklich nicht mehr um die Schaffung von Chimären aus zwei Individuen, sondern um einzelne Eigenschaften der zur Kreuzung oder Paarung benutzten Individuen und den Versuch deren planvoller Vererbung und möglicher Neukombination. Nicht nur in der Hundezucht begann sich eine Vorstellung davon zu entwickeln, wie sehr mithilfe planvoller Zucht eine Ausdifferenzierung verschiedener Eigenschaften und deren dauerhafte Etablierung in einer Zuchtlinie erfolgen kann.

Die Geschichte der modernen Rassehundezucht ist damit eine erstaunlich kurze, wenn ich mir vor Augen führe, dass meine Lieblingsgroßmutter geboren wurde, als die moderne Hundezucht Ende des 19. Jahrhunderts gerade zu einer ersten Hauptblüte gekommen war.

Im deutschsprachigen Raum setzte ab Ende des des 18. Jahrhunderts – wohl – angespornt durch das englische Vorbild und nicht ganz zufällig bei Leuten von Stand und Vermögen, eine wachsende Begeisterung für den Hund als Haustier ein, so dass schon 1781 der Berliner Friedrich Nicolai die “alberne und schädliche Gewohnheit vornehmer und reicher Leute, mit großen Kötern aus purer Nachahmungssucht spazieren zu gehen” monierte. Solches könne man gerade noch in London, das berüchtigt für viele Straßenräubereien sei, verstehen, aber in Berlin…?

Nicht zuletzt spielten die neuesten technischen Errungenschaften wie Dampfschifffahrt oder Eisenbahnverkehr und die dadurch zumindest für privilegierte Schichten einhergehende erhöhte Mobilität eine wesentliche Rolle, denn entlang der Verkehrsströme reisten neben Menschen auch die in anderen Regionen gesehenen besonderen Hunde.

Durch diese Überhöhung der Beschäftigung mit dem Hund und der Hundezucht wurde der „Hundesport“ im Wortsinn gesellschaftsfähig. Von nun an ging es nicht mehr nur um irgendeinen verflohten Dorfhund, sondern um ein bestimmtes Objekt der Mühe, des Stolzes und der Anerkennung. Natürlich dauerte es nicht lange, bis auch hier sich teilweise die Übertreibung als Wesensmerkmal menschlicher Tätigkeit bemerkbar machte. Bei den Teckeln führte dies teilweise zu überlangen, mit viel zu tiefer Brust ausgestatteten Exemplaren, die dem bösartigen Spitznamen „Weener Dog“ (nach den Würstchen) nicht wirklich etwas entgegen zu setzen hatten.

Dog Fashions For 1889
Viktorianische Aristokraten, die in diesem satirischen Cartoon abgebildet sind, waren berühmt für ihren Durst nach neuen Hundetypen.

Der Hundesport musste natürlich organisiert werden. Dazu gehörten Vereinsgründungen; dazu gehörte aber auch, den „Wert“ des Hundes nachvollziehbar zu machen durch die Dokumentation seiner Abstammung und Bescheinigung nicht nur der „edlen“ Herkunft, sondern auch des „Adels“ durch die Vorstellung und Beurteilung der Hunde auf bald zahlreicher werdenden Ausstellungen. Im ersten deutschen Hundestammbuch von 1840 finden sich bereits 54 Teckel eingetragen. Besonders verdient um die im Entstehen befindliche Rasse Teckel (beinahe ausschließlich zu dieser Zeit noch Kurzhaarteckel) machten sich Wilhelm v. Daacke, der ab ca. 1860 einen roten Schlag herauszüchtete und Revierförster Steck in Schorndorf, dessen Hunde schwarzrot waren. Aus der Zusammenführung dieser Hunde ist im Wesentlichen der moderne Kurzhaarteckel entstanden.

Jedenfalls formulierte 1879 eine „Delegierten-Kommission“, gebildet aus Mitgliedern des „Verein zur Veredelung der Hunderassen für Deutschland“, „Verein Hektor“, „Klub zur Prüfung der Hühnerhunde“, „Norddeutscher Hetzklub“ und „Verein Nimrod“ Rassekennzeichen auch für den (Kurzhaar-) Dachshund. Diese Delegierten-Kommission mit Sitz in Hannover stellte seinerzeit so etwas wie die reichsweite Dachorganisation der Hundesportvereine dar.

Wie der Name schon sagt, der Dachshund oder Teckel wurde ursprünglich vorzugsweise für die Jagd auf den in seinem Bau verschanzten Dachs benötigt. Europäische Dachse waren früher häufiger und weiter verbreitet als heutzutage. Dachse sind Raubtiere, mit 12kg von einigem Gewicht, durchaus wehrhaft und recht unwirsch, zumal, wenn sie in ihren unterirdischen und verzweigten Bauten vom Hund gestellt und (meist) anschließend vom Jäger (was natürlich insofern falsch ist, als man für gewöhnlich derart niedrige Arbeiten nicht selbst ausführte, sondern lieber Tagelöhner graben ließ) ausgegraben werden.

Entsprechend gering waren die Anforderungen an die Zierlichkeit der Teckel. Niedrig gebaut, ja, schlank, ja, aber eben auch kräftig. Eine größenmäßige Scheidung der Dachshunde in verschiedene Rassen erfolgte seinerzeit nicht. Wohl aber spielten die Gewichte eine Rolle: Dachshunde über 10kg durften keine Teckel mehr sein und mussten als Dachsbracken bezeichnet werden und die Teckel wurden in einen „leichten Schlag“ und einen „schweren Schlag“ unterteilt, wobei die Grenze 7,5 kg bei den Rüden und 7 kg bei den Hündinnen betrug.

Es ist davon auszugehen, dass, wie bei vielen Hunderassen, in der ganzen Entwicklungsgeschichte der Teckel immer mal wieder hier und dort ganz besonders kleine Exemplare auftraten und -treten. Gibt es innerhalb der Hunderasse für solche Zwerge keinen Verwendungszweck bekommen sie auch keine Gelegenheit, sich fortzupflanzen. Ein Zwergenexemplar eines Herdenschutzhundes in den Pyrenäen machte als solcher keinen Sinn und würde seinerzeit nicht wissentlich vermehrt worden sein.

Das war bei den Teckeln nicht so. Hatte der „schwere Schlag“ seinen Schwerpunkt auf der Jagd nach dem Dachs und konnte der „leichte Schlag“ aufgrund seiner besonderen Wendigkeit seine Stärken auch bei der Jagd nach dem oft als Untermieter in Dachsbauten anzutreffenden Fuchs ausspielen, fand sich auch eine Verwendung für die Zwerge. Erstmals auf einem Holzschnitt von 1582 ist bildlich die Jagd auf Wildkaninchen mit solchen Zwergdackeln nachweisbar. Die ersten Vertreter der sich langsam heraus bildenden Varietät „Zwergdackel“ sind im Teckelstammbuch von 1902 (Teil XIII) zu ihren offiziellen Weihen gekommen. Die damals zwei Rüden und neun Hündinnen sind nicht alleine geblieben und Stammeltern einer beachtlichen und auch im 21. Jahrhundert immer beliebter werdenden Zwergdackelnachkommenschaft geworden.

„Teckelstammbuch“? Ja, Teckelstammbuch. Der Teckel-Klub suchte nach seiner Gründung Anschluss an die damalige offizielle Kynologie und beantragte beim Generalsekretär der oben erwähnten Delegierten-Kommission die Anerkennung. Der Generalsekretär war ein gewisser Emil Meyer, und es ist aus heutiger Sicht wenig schmeichelhaft, allerdings für Emil Ilgner, wie dieser völlig in Ressentiment verhaftet und an stereotypen Bildern entlang sich in seinen 1925 erschienenen „Kynologische Erinnerungen“ hierzu äußert: „…stellte hierzu einen entsprechenden Antrag bei dem Generalsekretär der Delegierten-Kommission, Bankier Emil Meyer in Hannover, einem aus orientalischem Blut entstammenden Herrn, der als Intimus des Grafen Waldersee, des Präsidenten der eben genannten Kommission, eine leider zu beherrschende Rolle in der deutschen Hundewelt spielte“. Emil Meyer, 1841 in Hannover geboren, war Sohn des jüdischen Bankiers Adolph Meyer.

Emil Meyers Rat, der neue – und kleine – Teckel-Klub möge sich doch zur Vermeidung einer Zersplitterung des Hundesports zunächst einem bereits bestehenden größeren Verein anschließen wurde zunächst durch eine Assoziation mit dem „Deutscher Jagdklub“ befolgt. Beiden gingen die dann in der Folge aufgenommenen Verhandlungen zwecks Anschluss an die Delegierten-Kommission nicht rasch genug voran, so dass man 1890 sich für unabhängig erklärte und beschloss, ein eigenes Teckelstammbuch zu führen und auf Eintragungen im deutschen Hundestammbuch ab 1891 zu verzichten. Zweifel, dass ausschließlich darin, nämlich in der Langsamkeit der Verhandlungen mit der Delegierten-Kommission, die Gründe für die gescheiterte Integration des Teckel-Klubs in die bestehende kynologische Organisation zu sehen sind, sind angebracht. Immerhin meint man einen gewissen Stolz zu spüren, wenn Ilgner in seinen „Erinnerungen“ davon berichtet, dass sämtliche nachfolgend gegründeten Spezial-Klubs seinem Vorbild folgten und „die Selbständigkeit vorzogen, als sich unter das Joch (!) von Hannover zu beugen“.

Nun bringt der Dachshund Eigenschaften mit, die ihn auch außerhalb des jagdlichen Gebrauchs als Hausgenossen wertvoll machen. Da sind seine relative Kleinheit zu nennen, seine Intelligenz und Selbstständigkeit, und da der Teckel mit den Vertretern des leichten Schlags auch besonders handliche und wenig bedrohlich wirkende Exemplare hervorbrachte, dauerte es nicht lange bis der Teckel seinen Weg auch in städtische Umgebung fand, wo er sich stetig wachsender Beliebtheit, insbesondere als „leichter Schlag“ und „Zwergdackel“ erfreute. Selbst für das Klischee der Damenwelt musste so „Hund“ nicht mehr „blutrünstiges Untier“ und den Ruf nach Riechsalz bedeuten, sondern konnte als possierliches Tier Gesellschaft leisten, was um so mehr für die seinerzeit noch raren Zwergdackel galt. Von diesem übertriebenen Bild unabhängig ist allerdings festzustellen, dass Frauen durchaus bereits von Anfang an eine Rolle in der Teckelwelt spielten. Zwar kaum als Funktionärinnen aber eben doch als Züchterinnen, Ausstellerinnen und Hundeführerinnen. Der Umstand, dass in Deutschland ab 1933 hier eine Unterbrechung einsetzte, die bis weit in die restaurative Nachkriegsphase reichte, vermochte daran nicht dauerhaft etwas zu ändern. Spätestens als 1961 mit Hella Frick-Scholz die erste Frau im DTK wieder sowohl die goldene Züchternadel als auch die goldene Führernadel und damit die (damals) höchsten Auszeichnungen im DTK sich ans Revers heften konnte, waren sie wieder präsent geworden.

Es liegt in der Natur des Menschen, dass diese Entwicklung die „Vertreter der reinen Lehre“ in Gestalt der Jagdteckelbewegung auf den Plan rief, die, wenn auch nicht ausdrücklich, so doch im Gedankengebäude, den Theorien von Lamarck und Erasmus Darwin (ein Großvater Charles Darwins) folgten. Grob vereinfachend gesagt gingen diese davon aus, dass die Individuen einer Art im Lauf ihres Lebens individuell aufgrund von Umwelteinflüssen Eigenschaften erwerben und diese an ihre Nachkommen vererben. Wenn demnach im Umkehrschluss ein Teckel nicht jagdlich geführt würde, verlören seine Nachkommen ihre jagdlichen Anlagen. Dass dies zum Beispiel bezüglich des Jagdtriebs durchaus unzutreffend ist, weiß so mancher Besitzer manches „nur“ schönen Teckels auch heute noch aus eigener kummervoller Erfahrung zu berichten.

Wie auch immer, der Jagdteckelbewegung war die zunehmende Verstädterung des Teckels ein Gräuel, vermutete man doch ungesunde Einflüsse dieser „Schönheits- und Stadthunde“ auf die Gesundheit und jagdliche Eignung der Rasse Teckel an sich, und suchte, seine zur Zucht bestimmten Hunde von den vermeintlich verweichlichten und degenerierten „Schönheitshunden“ fern zu halten. Begleitet wurde dies – und wird es im Grund bis heute – von der Frage, wem der Teckel „gehört“.

Auf der einen Seite manche Jäger, wie Engelmann, der nur zwei Größenvarianten des Teckels gelten ließ und deren Grenzen streng an den vermeintlichen Jagdbedürfnissen (Teckel mit einem Brustumfang von maximal 42cm und Kaninchenteckel mit einem solchen von maximal 24cm ausgerichtet sah und anderen Größen „keinen praktischen Wert“ zusprechen wollte, und für die ein Teckel, der nicht jagdlich geführt wird UND von jagdlich geführten Elterntieren stammt gar kein richtiger Teckel ist); auf der anderen Seite jene, darunter auch Jäger, die etwas weitherziger mit solchen teilweise überholten (wer gräbt denn heute noch nach einem Dachs oder arbeitet tatsächlich Kaninchen?) Dogmen umgehen.

Jedenfalls: aus dieser Jagdteckelbewegung heraus erwuchs den zunächst noch zahlenmäßig wenigen Zwergdackeln Konkurrenz:

Wildkaninchen weisen in geeigneter Umgebung eine beeindruckende Vermehrungsrate auf und sind, bzw. waren, in der Lage, in der Land- und Forstwirtschaft erhebliche Schäden zu verursachen. Jagdausübungsberechtigte (damals wie heute sind Eigenjagden, also die Jagdausübung durch den Grundeigentümer selbst, selten und ist das Jagdrecht meist gepachtet) waren für solche Schäden durch Wildkaninchen jedenfalls gesetzlich nicht haftbar zu machen. Diese auf den ersten Blick angenehme Lage hatte für den Jagdausübungsberechtigten allerdings unangenehme Folgen, „so muss er sich in manchen Revieren Polizeijagden, Jagdbeauftragte und fremde Frettierer gefallen lassen und macht dazu die Erfahrung, daß übermäßiges Auftreten des Kanins viel zweibeiniges, oft äußerst rabiates Raubzeug anzieht“, beklagt Kroepelin in seiner 1921 erschienenen Schrift „Kaninchenteckel“ über die Zustände im Kaiserreich und der Weimarer Republik.

Wollte der Jäger also unbehelligt die Alleinherrschaft im Revier ausüben, brauchte es eine Lösung des „Kaninchenproblems“ und kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert wurde der „Verein zur Züchtung von Kaninchenhunden“ gegründet, der letztlich wenig erfolgreich versuchte, kleine Vertreter des leichten Teckelschlags auch mit den Zwergformen anderer Hunderassen zu kreuzen. Der wenige Erfolg lag darin begründet, dass es den so entstandenen „Kaninchenhunden“ durchweg an jagdlichen Anlagen fehlte und damit wenig Motivation gegeben war, züchterisch die weiteren Tochtergenerationen hin zu einem gefestigten Typus zu bearbeiten.

Eine ganze Weile ging es daher unscharf zwischen Zwergteckel, Kaninchenteckel und Kaninchenhund hin und her, ohne dass in Terminologie und Typologie trennscharfe Scheidelinien erkennbar waren. Das fand ein gründliches Ende, als 1913 mit einem Artikel in den „Teckel-Mitteilungen“ Olenburg postulierte, dass der Unterschied zwischen „Zwergteckel“ und, wie er sie bezeichnete, „Kaninchenhunden“ schlicht darin bestehe, dass erstere eben typische kleine Dachshunde seien, nur eben Miniaturteckel, die Kaninchenhunde aber als Kreuzungsprodukte mit Hunden anderer Rassen oder – schlimmer noch – gänzlich ungesicherter Herkunft anzusehen seien. Er trat entschieden dafür ein, diese Kaninchenhunde komplett von der Teckelrasse abzuspalten, da es sich bei ihnen um nichts anderes als degenerierte Teckel handele.

Revierförster Kröpelin
Revierförster Kroepelin

Das gab dem zwischenzeitlich 1905 von Senff, Kroepelin und Nausester gegründeten „Kaninchenteckelklub“, der sich der Reinzucht kleiner Teckel widmete, entscheidenden Aufwind. Die Bezeichnung „Kaninchenteckel“ selbst ist eine Geburt aus Ressentiment. Es herrschte, seinerzeit nicht unumstritten, mehrheitlich der Wunsch, sich vom Tun des „Verein zur Züchtung von Kaninchenhunden“, und damit der Einkreuzung fremder Zwergrassen, der man den Verlust jagdlicher Eigenschaften zuschrieb, abzugrenzen. „Zwerghund“ galt weithin als Synonym zu „Schoßhund“ und das war nun wirklich nicht das Ideal, das man verwirklichen wollte (weswegen Zwergdackel auch als eigenständige Rasse von den „eigentlichen“ Teckeln geschieden wurden). Die Gegenmeinung, die für „Zwergteckel“ plädierte, da man ja die guten Eigenschaften des Teckels behalten und nur die Größe bedarfsgerecht anpassen wollte, konnte sich, nicht zuletzt eben weil seit 1902 bereits Zwergdackel eingetragen wurden, nicht durchsetzen. Auch hier wieder einmal einer der interessanten Widersprüche: Einerseits sprach man dem Zwergdackel als angeblichem „Schönheits- und Luxushund“ das „Teckel-Sein“ (völlig zu Unrecht, wie man heute weiß) ab; andererseits bediente man sich auch aus diesem „Material“ um einen noch kleineren Kaninchenteckel zu züchten, der dann aber ganz gewiss ein ganz ein scharfer Hund, eben ein richtiger Teckel, ist, weil er eben von den richtigen Leuten im richtigen Geist gezüchtet wurde.

Endgültig erübrigte dann die schnell zunehmende Popularität der im Teckelstammbuch des Teckel-Klub seit 1902 geführten Zwergdackel rasch jede weitere Diskussion, denn man wollte ja schließlich von Grund auf im Geist der Jagdteckelbewegung neu anfangen.

Dies umso mehr, als anfänglich bei den „Kaninchenteckelleuten“ auf das typische Erscheinungsbild des Teckels gepfiffen und vorrangig auf Kleinheit unter Erhalt der „Jagdhundschärfe“ des Teckels gezüchtet wurde. Kroepelin mag hier erneut zu Wort kommen: „Auf „Typ“ (…) konnte zunächst kein großer Wert gelegt werden, sondern leichtes Gewicht und geringen Brustumfang erst mal konstant zu züchten, das mußte die Hauptsache sein; der Typ würde schon kommen (…). Am allerwenigsten konnte man (…) sich die Züchterköpfe um „typische“ Teckelköpfe zerbrechen“.

Daran hat auch heute noch der eine oder andere Kaninchenteckel „zu leiden“. Gar nicht so selten sieht man prominente, eher runde Augen, im Profil deutlich gewölbte Schädel und etwas kürzere Fänge, wo doch laut Rassestandard mandelförmige Augen, eher flache Schädel ohne deutlichen Stop im Oberkopf und lange Fänge gewünscht sind. Fairerweise muss darauf hingewiesen werden, dass solche Erscheinungen in gewissem Maß zwangsläufig sind, wenn immer kleiner gezüchtet wird. Aus der o.g. „Forderung“ Engelmanns nach Kaninchenteckeln mit einem Brustumfang von nicht mehr als 24cm (bei damals durchschnittlich gegebenen 28cm) ist mittlerweile wohl auch aus diesem Grund heute eine Obergrenze von 30cm Brustumfang geworden.

Wohlwollende sprechen in solchen Fällen vom „entzückendem Kleinteckelköpfchen“, weniger charmante Zeitgenossen murmeln „Apfelkopf“ und äußern den Verdacht, dass doch der eine oder andere Kaninchenhund von Anno Dunnemals mit nicht-so-dackeligen Vorfahren sich im Stammbaum verewigt habe.

Ohne solche kleinen gegenseitigen Bösartigkeiten scheint man auch heute nur schwer auskommen zu können und man sollte sie einfach als Folklore hinnehmen. Manchmal allerdings, wenn die „grüne Fraktion“ wieder einmal allzu forsch darauf beharrt, der eigentliche Nabel der Teckelwelt zu sein, möchte man wieder einmal Engelmann zitieren: „Deshalb begünstigt ja auch die Bauarbeit die „Teckelform“ nicht im geringsten, sie ist auch nicht die Ursache dieses eigentümlichen Gebäudes. Würde man die Leistungen im Bau zur Grundlage der Zucht machen, so würde der Teckelkörper bald verschwinden, zum mindesten das zu lange und zu tiefe Gebäude.“

Man komme somit allseits herunter vom hohen Ross; lebe und lasse leben! Wichtiger als jeder Dünkel ist allemal die Freude an gesunden Teckeln, Zwergdackeln und Kaninchenteckeln, mögen sie jagdlich geführt werden oder nicht. Allesamt sind sie, wenn es darauf ankommt, in der Lage, so manchem anderen Hund den Schneid abzukaufen. Nur die ganze Bandbreite zwischen griffigem Jagdteckel und gewitztem Familienhund hat die Teckel als solche überdauern lassen und beide Pole der Teckelei bedingen und befördern sich gegenseitig.

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